Die Taube von Patrick Süskind [#Rezension]

Die Taube, die das Leben
von Jonathan Noel  veränderte.

Worum geht es?

Jonathan Noel führte ein geregeltes und ereignisloses Leben. Er zahlte ein Zimmer ab, arbeitete als Wachmann, hatte sein festes Ritual am Morgen und war auch sonst zufrieden mit seinem Dasein. Doch an einem Freitag morgen gerät seine Welt aus den Fugen. Eine Taube steht vor seiner Zimmertüre. Eine Taube. Eklig mit ihren Augen und roten Krallen. Er kann seine Angst und seinen Ekel darüber nicht verbergen. Und schon gerät sein Rhythmus durcheinander und der Tag entwickelt sich alles andere als Ereignislos.

Erster Satz:
“Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod.”

dietaube

Klappentext

In fünf Monaten wird der Wachmann einer Pariser Bank, der als einzigen Nutzen seiner Tätigkeit das Öffnen des Tores vor dem Direktionswagen erkannt hat, das Eigentum an seiner kleinen Mansarde endgültig erworben haben, wird ein weiterer Markstein seines Lebensplanes gesetzt sein. Doch dieser fatalistische Ablauf wird an einem heißen Freitagmorgen im August 1984 jäh vom Erscheinen einer Taube in Frage gestellt. (Quelle: Diogenes


Meine Meinung

Im Rahmen der Diogenes Lese Challenge habe ich zu “Die Taube” von Patrick Süskind gegriffen. Von Süskind hatte ich bis anhin nur “Das Parfüm” gelesen und fand dieses Werk durchaus gelungen. Umso neugieriger war ich auf “Die Taube”. Und was mir auf diesen 112 Seiten präsentiert wurde überraschte mich nicht nur, sondern versetzte mich auch ins Grübeln.

Jonathan Noel ist ein Jude und wurde als Kind versteckt. Diesen Teil seiner Geschichte erfährt man auf den ersten paar Seiten. Schnell stellt man fest: Er hat die Ereignisse des zweiten Weltkriegs nicht wirklich verarbeitet. Im Gegenteil nach seiner gescheiterten Ehe ist für ihn klar: Auf die Menschen ist kein Verlass. Er zieht nach Paris, mietet sich ein Zimmer und verbringt dort Jahrzehnte ohne sich wirklich eine Veränderung zu wünschen.

Als dann eines Freitagmorgens im August eine Taube vor seiner Zimmertür steht verursacht diese ein regelrechtes Chaos in seinem Kopf.

“Sie hatte den Kopf zur Seite gelegt und glotzte Jonathan mit ihrem linken Auge an. Dieses Auge, eine kleine, kreisrunde Scheibe, braun mit schwarzem Mittelpunkt, war fürchterlich anzusehen. Es saß wie ein aufgenähter Knopf am Kopfgefieder, wimpernlos, brauenlos, ganz nackt, ganz schamlos nach außen gewendet und ungeheuer offen; zugleich aber war da etwas zurückhaltend Verschlagenes in dem Auge” S.15

Diese Taube schafft es, was er die letzten Jahrzehnte selbst nicht geschafft hat; Sie reisst ihn aus seiner Routine. Plötzlich ist für ihn klar: Er kann nie mehr in dieses Zimmer zurück. Gedanklich spielt er das ganze immer und immer wieder durch und steigert sich dabei immer weiter in seine Horrorszenarien hinein.

Es kommt sogar so weit, dass die Gedanken an diese Taube ihn bei seiner Arbeit so sehr ablenken, dass er zum ersten Mal in seiner Dreissigjährigen Dienstzeit einen Fehler macht. Für diesen Fehler bestraft er sich innerlich so sehr, dass er am Ende zum Schluss kommt; Er wird wie ein Bettler auf der Strasse landen.

Es ist überaus interessant in Jonathans Kopf zu blicken und sich von seinen Gedankenstrudeln treiben zu lassen. Man stellt als Leser natürlich fest, dass er das ganze überbewertet und fragt sich immer wieder; Wieso löst diese Taube all dies in ihm aus?

Das faszinierende an der ganzen Geschichte ist aber die Tatsache, dass sich dies alles an nur einem einzigen Tag ereignet, doch Süskind schaffte es durch seinen Erzählstil den Leser bis zur letzten Minute des Tages mit zu nehmen. Keine Passage ist langweilig und den Gedankengängen von Jonathan zu folgen fand ich absolut interessant und beeindruckend.

Einzig bei der Botschaft bin ich mir nicht sicher, ob er diese am Ende wirklich begriffen hat. Und auch mir als Leser war nicht wirklich klar, ob diese Taube ihn nun wirklich verändert hatte oder nicht. Deshalb gibt es von mir einen kleinen Abzug bei der Gesamtwertung, da ich mir wirklich ein runderes Ende gewünscht hätte.

Schreibstil und Cover

Der Schreibstil ist unglaublich – ich war von der ersten bis zur letzten Seite begeistert und kann den Kritikern nur Recht geben; “Ein rares Meisterstück zeitgenössischer Prosa, eine dicht gesponnene, psychologisch raffiniert umgesetzte Erzählung.”

Das Cover ist auf jeden Fall passend zum Titel gestaltet und von Diogenes gut gewählt.

Fazit

Ein Buch, dass man auf sich wirken lassen muss. Der Schreibstil ist fesselnd und zugleich so detailliert das man sich in den einzelnen Sätzen verliert. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.

Bewertung
Buchlänge ♥♥♥♥ (4/5)
Schreibstil ♥♥♥♥♥ (5/5)
Botschaft ♥♥♥♥ (4/5)
Lesevergnügen ♥♥♥ (4/5)


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Die Taube| Erzählung|112 Seiten
Diogenes Verlag| Cover | ISBN: 978-3-257-21846-6
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rezensionen im ueberblick

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